Hausgeschichte

Unser Haus - ein Haus mit Tradition

Die Malerei Hutmacher liegt unmittelbar vor dem wunderschön gelegenen Matte Quartier am Ufer der Aare.
Das Anwesen hat aber eine ganz besondere Geschichte. Nehmen Sie sich etwas Zeit für

D'S VOLIÉRE MÄNNLI von Hans Schwarz - 1952

"Immer noch bietet die Berner Altstadt vom Schwellenmätteli aus den imposanten Anblick einer wehrhaften, frühmittelalterlichen Stadtsiedlung, nur die viel zu hohen Mietshäuser neueren Datums unterhalb der Plattform und des Stiftgebäudes stören das pitoreske Bild.
Noch heute steht fast genau unter der Kirchenfeldbrücke, am grünen Wellenspiel der Aare, ein einsames und gar nicht schönes Haus mit Blechdach und dieses Blechdach verdankt das Haus uns Lausbuben von anno dazumal.

Das Haus nannte man in jenen unbeschwerten Zeiten d' Voliére und es hatte bei allen braven Tanten einen gar verrufenen Ruf, obgleich, oder richtiger, weil es von lauter jungen netten Damen bevölkert war, die da hinter immer geschlossenen, grünen Jalousieladen, ihrer schliesslich amtlich sanktionierten galanten Heimarbeit mit viel Charme oblagen.

Tagsüber schien die Voliére wie ausgestorben, aber wenn oben am Münsterturm das letzte abendliche Leuchten erlosch und an der Matte unten die Gaslaternen eine um die andere aufflammten, dann konnte man sehen, wie sich da mit aufgestelltem Mantelkragen und tief gesenkten Hutrand verschwiegene Gestalten der Aare entlang oder den Bundesrain hinab schlichen und es dann unten an der Voliére sehr eilig hatten, im Hausgang zu verschwinden.
Immer am Mittwoch, so beim Vernachten, tauchte von der Mattenenge her ein Drötschgeli auf und hielt mit seinen zwei Kerzenlaternli wie zwei Leuchtkäferli grad vor der Voliére, dann fiel sofort der Lichtstrahl der zuvorkommend geöffneten Haustüre auf die Strasse, der Droschkenschlag wurde eilig auf und zugeschmettert und über den Lichtstrahl hüpfte ein kleines, älteres und sehr elegantes Männlein in die Voliére.

Dann war es wieder dunkel und nur die zwei Laternli flackerten und der Kutscher hüllte sich in seine Decken und tubakte eine Stunde oder auch mehr. Bis wieder der bekannte Lichtstrahl auf die Strasse fiel, das Voliére -Männlein darüberhüpfte, Schlag auf, Schlag zu, schon war es im Fond. Der Kutscher schnalzte mit der Zunge und das Leuchtkäferli kroch eilig der Aare nach dem Marzili zu.
 
Gerne hätten wir Gimeler herausgbracht, wer dieses mehrbessere Männchen sei, das da jeden Mittwoch in die Voliére flatterte und wir beschlossen, das durch eine Staffette zu ergründen. Alle fünfhundert Schritt sollte einer stehen bis zum Sandrain und dem Drötschgeli nachesirachen.
Aber das Leuchtkäferli nahm jedes mal einen anderen Weg, entweder gegen das Kirchenfeld, gegen den Sandrainstutz, gegen den Surchabis-Balsiger oder der französischen Gesandschaft hinauf. Einmal rannte ihm der Glatz Fridu nach bis zum Schloss Holligen, dann mochte er nicht mehr und das Leuchtkäferli verflimmerte gegen das Weiermannshaus hinaus.
Item, dieses verflümerte Voliére-Männlein schien es völlig unbewusst darauf abgesehen zu haben, uns am Narrenseil herumzuführen. Wahrscheinlich hatte es aus anderen Gründen ein Interesse, seine Voliére-Spur zu verwischen. Wir aber bekamen auf dieses unschuldige Männnlein völlig unmotivierterweise eine Wut und beschlossen ihm einen Streich zu spielen.
Am nächsten Mittwoch, füllten unsere acht oder zehn, alle unsere Hosensäcke mit faustgrossen Aarechempen am Schweller unten und gingen angriffslüstern hinauf auf die Kirchenfeldbrücke. Tief unter uns lag die Voliére und hüllte sich in das schützende Dunkel eines bissigkalten Novemberabends und wir lauerten. Damals war auf der Brücke noch nicht so viel Verkehr wie heute, das Kirchenfeld war noch ein kleines Quartierli und alle zehn Minuten höchstens schlarpte einer über die Aare.
Das Leuchtkäferli kam richtig durch die Mattenenge gekrochen, es hielt vor der Voliére, der Lichtstrahl fiel heraus, das Männlein hüpfte herüber in die Haustüre, der Kutscher begann mit viel Mühe, bei der Saubise, seine Pfeife in Brand zu stecken.
Wir warteten etwa eine Viertelstunde, bis wir dachten, dass jetzt das Voliére-Männlein in seinem Schlag so richtig erwarmet sei.

Dann begannen wir ein Bombardement auf das Ziegeldach der Voliére, wie es noch nie erhört worden war, im kampferprobten Matteviertel unten.

So Aaregrien aus vierzig Metern obenabe, das hält kein Dachziegel aus und es gab einen Heidenkrach. Der Gaul am Drötschgeli ging mit flackernden Leuchtkäferli dem Marzili zu durch. Wir feigen Attentäter aber nahmen den Finkenstrich gegen den englischen Garten hinüber, aarenidsi und zerstoben ob dem Bärengraben nach Hause.
Am nächsten Morgen gab es in allen Schulen hochnotpeinliche Untersuchungen und der alte Steinmann hielt uns einen Vortrag, er hoffte zwar, es sei keiner von uns dabeigewesen, denn wenn auch das Zielobjekt dieses Lausbubenstreichs nicht besonders schutzwürdig sei, so sei er doch strafbar und schliesslich hätte daraus gar ein Unglück entstehen können. Wir machten die unschuldigsten Lammgesichter und der Glatz Friedel, der die grössten Chempen geworfen, hatte die Stirn zu der perfiden Bemerkung, da braucht man dänk nicht lange zu suchen, wer das gemacht habe, das seien niemand anderes als die cheibe Mattegiele. Denn mit den Mattegiele führten wir einen Krieg auf Leben und Tod und zogen meistens den Kürzeren, das waren gar ruuche Haglen.
Item, es kam nie aus, wer die Voliére zusammengetätscht hatte, aber schon am nächsten Tag begann ein Spengler mit seinen Gesellen, auf ihr herumzukriechen und sie mit Blech einzudecken, wie man das heute noch sehen kann.

Natürlich waren wir alle gespannt darauf, ob am nächsten Mittwoch das Leuchtkäferli mit dem Voliére-Männli wiederum aus der Mattenenge hervorkrieche. So bummelten wir, anscheinend vollkommen uninteressiert und zufällig beim Einnachten der Kirchenfeldbrücke zu. Und da machten wir die Entdeckung, dass unser Voliére-Männlein wahrscheinlich sehr gute Beziehungen obenaus haben müsse, denn oben auf der Brücke stand ein Tschugger, der sonst nie dastand und auf der Brücke, grad über der Voliére, spazierte der Polizeiwachtmeister Brechbühl mit seinem dicken Ranzen zufällig auf und ab. Wir verdunzten uns gegen das Schwellenmätteli hinab.

Von dort herüber sahen wir richtig bald das Leuchtkäferli der Matte entlang schleichen und vor der Voliére halten, aber sonst mochten wir nichts Genaues zu sehen, denn das Drötschgeli verdeckte uns gerade den Lichtstrahl, über den warscheinlich in gewohnter Weise, aber diesmal von oben herab beschützt durch die stadtbernische Hermandad, unser Voliére-Männlein ins Nest schlüpfte. Der Gutschner aber war vorsichtig.

Er stellte sein Drötschgeli etwa zwanzig Schritt aareaufwärts und dort leuchtete das Leuchtkäferli noch manchen Mittwochabend in altgewohnter Weise. Wir aber hatten einen gewissen Respekt vor dem kleinen Voliére-Männlein, das unserem Attentat und einem allfälligen Skandal so tapfer zu trotzen wagte und der Vorschlag des Glatz Friedels, ihm einmal Chnüttel in die Speichen des Drötschgelis zu schmeissen, wurde mit erdrückender Mehrheit abgelehnt.

Heute, da wir anscheinend viel bräver sind als in der guten, alten, braven Zeit, gibt es zu Bern keine Voliére mehr und rechtschaffene, gute, bürgerliche Familien wohnen im Haus mit dem soliden Blechdach unter der Kirchenfeldbrücke und kein Leuchtkäferli mehr leuchtet abends geheimnisvoll an den nächtlichen dunklen Fluten der Aare. Die Romantik jener Zeiten ist verrauscht, aber die Fluten der Aare kommen immer wieder, im nie versiegenden Strom und die Romantik kommt nicht wieder, das ist der Unterschied. Unser Leben wird immer sachlicher, zweckgebundener und materialistischer, geordnet und schematisiert, und jedes Nebenausleben und Andersseinwollen wird zum Wagnis und gefährlichen Abenteuer.
So blättern wir wohl gerne zurück, wenn wir unserem hastigen Tag eine besinnliche Stunde anbringen können, um im Geiste auszuruhen, im sanften Rhythmus früherer Zeiten."

free joomla templatesjoomla templates
2017  Malerei Hutmacher GmbH   globbers joomla template